bastelbude Lieber grob richtig als präzise falsch

18Apr/070

Andere Länder, andere Sitten

Es gehört ja schon wieder zum schlechten Ton Anti-Amerika zu sein, nachdem so ziemlich jeder seit Jahren Amerika kritisert. Dabei habe ich manchmal das Gefühl dass Diskussionen die über den halben Erdball “gestreckt” sind irgendwo auf dem Weg etwas verlieren. Eventuell ist das ja der Sinn. Ich fand es sehr interessant heute auf spiegel.de mal eine direkte Antwort auf die europäische Presse zum Thema Amoklauf in Blacksburg zu lesen. Leider ist es auch hier immer wieder das gleiche. Sätze wie “Nicht Waffen töten Menschen, Menschen töten Menschen”, “Wenn Lehrer und Schüler auch Waffen getragen hätten um sich zu verteidigen, wären nicht 32 Menschen gestorben” (ohne Witz, das Argument hat gestern eine ehemalige US Abgeordnete in einem Interview mit der ARD vorgebracht!) oder “Wer hat den 2. Weltkrieg beendet und Euch die Demokratie gebracht? Also lasst uns gefälligst in Ruhe” sind beliebig austauschbar. Aber ein Leserbrief ist mir besonders in’s Auge gefallen:

“Die Verfassung der Vereinigten Staaten erlaubt und schützt die Bildung von Bürger-Milizen und das persönliches Recht auf Waffenbesitz”, schreibt Mark Neidig II. “Nicht nur, damit man sich gegen feindliche Invasionen, sondern auch gegen gröbste Einschränkungen der persönlichen und zivilrechtlichen Freiheiten von Seiten unserer eigenen Regierung schützen kann. Europa dürfte nur allzu vertraut damit sein, was eine Regierung im Schilde führt, wenn sie die persönlichen Waffen ihrer Bürger konfisziert. Hitler und Stalin haben beide zunächst Waffen konfisziert, bevor sie alle persönlichen und bürgerrechtlichen Freiheiten kassierten.”

Irgendwie kann ich das so nicht unkommentiert dastehen lassen. Zunächst einmal waren Hitler und Stalin Diktatoren. Im Fall von Hitler konnte er sich seiner “Führerrolle” sicher sein, auch wenn das darunterliegende Gerüst noch Demokratie genannt wurde. Stalin hatte solche Probleme die sich Demokratie nennen erst garnicht. Im Gegensatz zur NS-Zeit, in der die deutsche Bevölkerung an einem Punkt angelangt war, an dem ihr Nationalstolz und ihre subjektiv gefühlte Würde verletzt wurde sich in einem Zustand der Trance befand und nur darum rang geführt zu werden (was sich letztendlich in Perversion steigerte und nicht zu vergeben ist), sollte man doch annehmen, dass die USA als “Vorzeigedemokratie” wesentlich gefestigter sein sollten. Mag man diesen Brief also so deuten, dass die Urväter der USA schon damals wussten wie leicht das Konstrukt USA doch (z.B. durch die Wirtschaft) manipulierbar sei und dem Individuum deshalb das Recht gaben, sich dagegen zu wehren?

Kann sich der Bürger in den USA denn wirklich nur wehren, wenn er einen Bärentöter vor dem Weißen Haus auspackt? Will er sich mit Waffen gegen ungerechte Behandlung wehren? Es scheint ganz so, denn nicht umsonst sind es meist die Afroamerikaner und Hispaner die sich in Gangs zusammen schließen und Kleinkriege mit halbautomatischen Waffen anfangen. Dass beide Gruppen eine Vergangenheit inne haben die in den USA gerne nicht erwähnt wird da sie durch Unterdrückung, Geringschätzung und Antipathie geprägt wurde, scheint auf den Ersten Blick kein Zufall zu sein. Ja, manchmal mag man sogar den Anschein haben die Gründungsväter hätten auch dies gesehen und ihren Enkeln nur das Überleben ermöglichen wollen…

Amerika, das ewige Streitthema. Vorwürfe an diese Gesellschaftsform und -darstellung sollten sich grade die Europäer vor dem Hintergrund der Selbstgefälligkeit gut überlegen, denn wer kritisiert schon die Zustände in weiten Teilen Afrikas oder Asiens? Nur weil unsere Vorfahren auf der anderen Seite des Meeres ein Stück Land für sich suchten denkt Europa es könnte seinem pubertierenden Kind das im Lotto gewonnen hat erklären, wie es seine Wände streichen muss, damit kein Fremder sagt “das schaut schrecklich aus”. Wir kennen das doch - man ist jung, unerfahren und will seine eigenen Wege gehen. Irgendwann aber streicht das Kind dann aber doch mal in einer anderen Farbe die ein wenig freundlicher ist. Aber erst, wenn keiner mehr zu Besuch kommt - weil’s so schrecklich aussieht. Hoffen wir, dass das Kind beim selbstständigen tapezieren seiner Wände nicht aus versehen auf den roten Knopf abrutscht, der bedrohlich in einer dunklen Ecke des gemeinsamen Hauses liegt…

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