bastelbude Lieber grob richtig als präzise falsch

23Aug/090

Das neue Wolfenstein

Ich bin positiv überrascht: Wolfenstein ist zurück - und das nicht einfach nur zum Metzeln.

Traditionell sind Spiele der Wolfenstein-Reihe mit einer großen Hypothek belastet. Das hierzulande indizierte Wolfenstein 3D gehörte ebenso wie DOOM oder Duke Nukem 3D zu der Handvoll genredefinierender Spiele der Vergangenheit bei denen die Nachfolger in der Regel (und zu unrecht) am Erfolg und vorallem an dem emotionalen Eindruck des "einen, großen" Vorgängers gemessen werden.

Dem Setting nach zu Urteilen klingt "Wolfenstein" mal wieder wie der Klassiker der Vorurteile: Amerikanischer Spion kämpft hinter feindlichen Linien gegen die Nazis die mit Hilfe des Übersinnlichen dochnoch die Welt erobern wollen. Kennt man alles schon irgendwie, man denke nur an die Bundeslade aus Indiana Jones oder die Anfangsszene aus Hellboy. Auch der Vorgänger "Return to Castle Wolfenstein" versuchte mit einem genmanipulierten und okkult angehauchten Himmler ein wenig mehr Düsternis in das stupide Nazimetzeln einzubringen. Mehr als sinnfreies Geballer war es trotzdem nicht.

Was macht also das neue Wolfenstein besser? Nun, zum einen ist da die Story. Story? In Wolfenstein? Richtig gehört. Zwar ist sie nicht grade der Feder eines Bestsellerautors entsprungen, in sich ist sie allerdings stimmig. Sie wird vorallem durch die Dokumente und Geheimpapiere erzählt die Ihr in der Stadt und den einzelnen Missionen findet. Die Stadt (passenderweise "Eisenstadt" genannt) ist die nächste Neuerung. Weil in Eisenstadt bei Ausgrabungen ein spezieller Kristall gefunden wurde werdet Ihr nämlich dorthin abbeordert und trefft recht schnell auf den Widerstand. Schwarzmarkthändler, Bewahrer des Okkulten (Brotherhood of the Cruciform Sword?) - quasi die deutsche Résistance. Von dieser bekommt Ihr Hinweise und Missionen - an deren Schauplatz Ihr allerdings erstmal gelangen müsst. Und die Straßen von Eisenstadt können gefährlich sein.

Was Euch dabei allerdings hilft ist ein Amulett. Es erlaubt Euch in eine neue Dimension einzutauchen die Euch Schwachstellen von Objekten und Gegnern anzeigt (werden Rot eingefärbt), die Zeit verlangsamt oder kurzzeitig einen Schutzschild um Euch herum aufbaut. Aufgeladen werden muss das Amulett mit einer okkulten Energie die in Eisenstadt und Umgebung an bestimmten Stellen aus dem Boden tritt. Erstaunlicherweise fügt sich dieses Wechseln zwischen den Welten sehr gut in das Spielgeschehen ein.

Optisch muss sich Wolfenstein keinesfalls hinter Konkurrenten wie Call of Duty: World at War verstecken. Erschreckend ist allerdings schon fast der Detailgrad mit dem Nazibunker und die üblichen Propagandeplakate gestaltet wurden. Aber auch hier hat sich eine Portion Humor eingeschlichen, denn die Schriftzüge sind nicht immer in korrektem Deutsch; es wird schonmal gerne auf den "Fiend" aufmerksam gemacht. Schmunzeln musste ich auch, als mir ein Gegner in langer Unterhose und Maschinengewehr entgegen kam.

Grenzwertig allerdings ist die Darstellung des Tods in Wolfenstein. CoD: World at War war mit den Harakiri-Japanern die mit dem Bajonett vorraus aus dem Gebüsch springen schon nichts für sanfte Gemüter (vorallem, wenn man grade nur den Flammenwerfer dabei hatte), Wolfenstein legt hier aber nochmal eine Schippe drauf über die man sich gerne Streiten darf. Fast der komplette Körper reagiert "anatomisch korrekt" auf Treffer. Richtung und Geschwindigkeit des Gegners werden ebenso beachtet wie der Körperteil, der getroffen wird. Treffer in's Bein - der Gegner humpelt. Treffer in die Schulter - der Gegner wackelt und schießt mit einer Hand weiter. Treffer in's Gesicht - Gesicht ist weg. Treffer in den Hals - 2 Meter Blutfontäne und ein Soldat der am Boden röchelnd gegen sein sicheres Ende ankämpft.

Obwohl das Dargestellte auf den Ersten Blick brutal erscheint ist es trotzdem nur selten übertrieben. Es erweckt den Eindruck, als hätten die Entwickler es weniger auf blutige Effekte als mehr auf Realismus abgesehen. Für schwache Nerven ist das neue Wolfenstein trotzdem nichts. Für Jugendliche unter 18 Jahren ebenfalls nicht. Für alle anderen kann ich es allerdings durchaus empfehlen.

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